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Wo die Kamille gern gesehen ist

kamille

Sonderkulturen mit Tradition. Kräuter werden seit über 50 Jahren in Thüringen angebaut.

Die Agrargenossenschaft Nöbdenitz erzeugt auf rund 550 Hektar vor allem Kamille, Pfefferminze und Johanniskraut. Die Kräuter bringen hohe nachgefragte Erträge, wenn das Produktionssystem stimmt.


Wenn sich Kamille auf den Feldern breitmacht, ist das für die meisten Ackerbauern kein Grund zur Freude, sondern treibt ihnen die Sorgenfalten ins Gesicht. Sie gilt als lästiges und schwer bekämpfbaresUnkraut. Einen ganz anderen Ruf genießt die Kamille allerdings in Nöbdenitz im Ostthüringer Sprottetal, das zum Landkreis Altenburger Land gehört. Hier blühen leuchtend gelb und weiß vom Frühsommer bis zum Herbst die Kamillefelder der Agrargenossenschaft Nöbdenitz, und das hat einen guten Grund. „Die Kamille kann in normalen Jahren durchaus mit der Wirtschaftlichkeit des Zuckerrübenanbaus konkurrieren und bringt einen höheren Deckungsbeitrag als Weizen“, freut sich Matthias Schnelle über den Anbau der Sonderkultur. Er ist Vorstandsvorsitzender und Produktionsleiter der Agrargenossenschaft. Knapp 550 Hektar (ha) sind es, auf denen hier Heilpflanzen angebaut werden, neben Kamille (86 %) vor allem Pfefferminze (11 %) und Johanniskraut (3 %).

Wenig Dünger, aber punkt­ genaue Pflege erforderlich

Kamille wird drei bis fünf Mal pro Jahr mit speziell dafür konstruierten Pflückmaschinen geerntet. „Die erste ‚Pflücke’ bringt 45 bis 50 % des Gesamtertrags“, berichtet Schnelle. Ziel ist es, 400 kg getrocknete Blüten pro ha und Jahr einzufahren, was mal mehr, mal weniger gelingt. Die Kamille ist eigentlich eine anspruchslose Kultur, die zum Beispiel keine N-Düngung benötigt. „Die Pflanzen sollen nicht groß werden, sondern kurz und stabil bleiben. Eine Vorratsdüngung mit Kalk, Phosphor und Kali reicht aus“, betont der Pflanzenbauer. „Die kritische Phase bei der Kamille ist nach unserer Erfahrung das Auflaufen. Die Pflanze hat winzige Samen, die Licht und viel Feuchtigkeit zum Keimen und Auflaufen benötigen“, ergänzt der Agraringenieur. Um das Risiko eines unzureichenden Aufgangs durch Trockenheit zu minimieren, setzen die Kräuterbauern auf weite, gestaffelte Aussaatfenster.

Pflanzenbauliche Erfolgsfaktoren

Die Arznei- und Gewürzpflanzen gliedern sich gut in die Fruchtfolge der übrigen Kulturen sowie in die Grunddüngungsstrategie des Betriebs ein. Das Pflügen legt den Grundstein für ein erfolgreiches Unkrautmanagement und ein feinkrümeliges Saatbett. Es braucht aber mehr, um hohe Erträge zu erzielen. Wie Matthias Schnelle weiß, sollten Kamille und Pfefferminze nicht nacheinander auf derselben Fläche angebaut werden. „Sonst wird das eine zum Unkraut im anderen“, warnt er. Auch vor Zuckerrüben sind die beiden Kräuterarten aus dem gleichen Grund ungeeignet.
Ideal ist Kamille dagegen als Vorfrucht zu Getreide. „Diesen Wechsel vollziehen wir öfters“, erklärt Schnelle. Kamille nach Kamille ist nicht so gut. Sie ist zwar weitgehend selbstverträglich, aber bei der Ernte fallen relativ viele Samen aus, die im nächsten Jahr zwischen dem zertifizierten Saatgut aufgehen. Das führt zu Qualitätsminderungen durch Verdünnung des Bisabololgehalts in den Kamillenblüten, eines Inhaltsstoffs, der beispielsweise bei der Herstellung von Hautschutzmitteln wichtig ist.

Pfefferminze hat Ansprüche einer Hackfrucht

Dass der Kräuteranbau immer wieder eine Herausforderung ist, zeigt auch das spezielle Anbauverfahren von Pfefferminze. Im Gegensatz zu Kamille lässt sich diese Blattdroge nur vegetativ, also über Teilung, Stecklinge oder Stolonen, vermehren. Nach einer zehnjährigen Anbaupause wurden in der Agrargenossenschaft Nöbdenitz im Herbst 2009 aufgrund der hohen Nachfrage wieder 10ha mit Pfefferminz-Stecklingen bestellt. Die daraus im nächsten Jahr gewonnenen Stolonen stellten die Mitarbeiter mit Spezialtechnik auf insgesamt 35 ha ins Feld, 2011 erweiterten sie die Fläche auf 52 ha.
„Unser Ziel ist es, den Bestand auf dieser Flächengröße drei Jahre bis 2012 zu halten. Das Risiko dabei ist der Stolonenaustrieb. Bleibt er in diesem Frühjahr aus, muss die Fläche umgebrochen werden“, erklärt Matthias Schnelle und beschreibt, dass die Pfefferminze, um genügend Blattmasse bilden zu können, unbedingt mit Stickstoff gedüngt werden muss. Das ist die Voraussetzung für gute Qualität. Dann können die mentholhaltigen Pflanzen drei Mal pro Jahr als Ganzpflanze im Langgutverfahren schonend geerntet werden.
Nach einem sorgfältigen Transport ohne große Beschädigungen werden sie getrocknet. Kräuter sind bei 8 % Wassergehalt lager- und handelbar. Durchschnittlich werden 40 bis 45 dt trockene Pfefferminze pro Hektar erzielt. Im Spitzenjahr 2011 waren es sogar 60 dt/ha. Die Trocknung geschieht in Nöbdenitz, um die Qualität des empfindlichen Ernteguts und die Wertschöpfung im eigenen Betrieb zu sichern, in einer eigenen Anlage. Sie wurde 2010 für 1,2 Mio. € modernisiert und ist mit einer Unterflurbelüftung ausgestattet, der einen schonenden Wasserentzug bei 45 °C Trocknungstemperatur garantiert. Ein 240-kW-Blockheizkraftwerk erzeugt dafür die notwendige Energie. Es wird mit Erdgas betrieben und dient gleichzeitig der sicheren Eigenstromerzeugung. Stromausfälle sind zwar selten; wenn sie aber auftreten, solange sich einige Tonnen Kräuter in der Trocknungsanlage befinden, stehen große Summen auf dem Spiel.

„Auch die Erstverarbeitung der Pfefferminze führen wir selbst durch“, erläutert Schnelle. Dabei müssen der Produktionsablauf und der Einsatz der wertvollen Anlage übers Jahr genau geplant werden. Im Sommer ist sie mit der Trocknung der Kamille voll ausgelastet. Erst danach kommt das Johanniskraut und ganz zum Schluss die Pfefferminze an die Reihe. Die Pfefferminze geht über eine Schneidlinie, bei der die groben und feinen Blätter, Stängel sowie Staub und Steine voneinander getrennt werden.

Erfahrung und Wissen sind der Schlüssel zum Erfolg

Warum Arznei- und Gewürzpflanzen gerade in Thüringen verstärkt angebaut werden, hat auch geschichtliche Gründe, die Schnelle erläutert. In der DDR war es nicht selten, dass sich größere Landwirtschaftsbetriebe auf eine Kultur spezialisierten. In Nöbdenitz erarbeitete man sich seit Anfang der 60er-Jahre das Fachwissen und die Spezialtechnik für den Anbau von Kräutern. Matthias Schnelle ist froh, dass sich diese Tradition nun auszahlt.

Für Kräuter gelten wie für andere Sonderkulturen auch Sonderregelungen, die es bei gängigen Marktfrüchten nicht gibt. Einige davon stehen im Pflanzenschutzmittelgesetz. Außerdem sind für Arzneipflanzen keine Pflanzenschutzmittel „regulär“ zugelassen, wie dies bei „großen“ Kulturen der Fall ist. Stattdessen müssen über die Lückenindikation nach § 18a und 18b jeweils Einzelgenehmigungen beantragt werden. Dafür gibt es in der Agrargenossenschaft eigens eine Pflanzenschutzbeauftragte. Zusätzlich muss jede chemische Behandlung mit dem Abnehmer abgesprochen werden, da für Arznei- und Gewürzpflanzen die Null-Toleranz-Grenze gilt. Daher wird, wo immer dies möglich ist, mechanischen Maßnahmen der Vorzug gegeben, zum Beispiel in der Unkrautbekämpfung. Darüber hinaus muss zum Beispiel Pfefferminze auch von Hand gehackt werden. Und dann gibt es manchmal Marktsituationen, die nur wirtschaftlich starke Unternehmen schultern können. Und hin und wieder Überraschungen, wie beim Johanniskraut.

„Das Johanniskraut ist uns erschienen“

Mitte der 90er-Jahre war Johanniskraut vor allem als Antidepressivum stark gefragt. Daher baute man in Nöbdenitz bald über 70 ha dieser leuchtend gelb blühenden Droge an. Aber wie sich der Vorstandsvorsitzende erinnert, brach im Jahr 2000 der Markt regelrecht über Nacht zusammen. Grund soll eine wissenschaftliche Studie gewesen sein, die auf einem Ärztekongress vorgestellt wurde. Sie hatte zum Inhalt, dass Johanniskraut in Wechselwirkung mit einem anderen Mittel, das bei Organtransplantationen eingesetzt wird, zur Abstoßung der Organe führt.
„Plötzlich wollte kein Mensch mehr Johanniskraut haben“, erinnert sich Matthias Schnelle. Die Folge: Die Flächen mussten umgebrochen werden. Viele Jahre später gab es dann eine Überraschung. Die Thüringer hatten sich bereits innerlich von dieser Droge verabschiedet, als das Johanniskraut 2009 nach der Kamillenernte auf einem Acker „wiederauftauchte“. „Nach fast zehn Jahren Anbaupause auf einer Fläche, die wir damit bestellt hatten!“, berichtet der Pflanzenbauer. Die „wiederauferstandenen“ Pflanzen ließ die Genossenschaft erst einmal über
den Winter stehen. Das Johanniskraut wuchs und gedieh. Nachdem ein Abnehmer gefunden war, führte man 2010 und 2011 je zwei gute Ernten durch, ganz ohne vorher zu düngen oder Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Denn da sie sich aus eigener Kraft wieder etabliert hatten, waren die Pflanzen gesund und stabil. „Das Johanniskraut ist uns sozusagen auf dieser Fläche erschienen“, erinnert sich Schnelle schmunzelnd.
Ganz so einfach geht es nicht immer. 2011 hatte die Kamille ihre Vorzüglichkeit gegenüber Weizen verloren, da das Getreide am Weltmarkt gut nachgefragt wurde und die Preise entsprechend anzogen. „Das sind die ganz alltäglichen Anbaurisiken“, erklärt Schnelle hierzu gelassen. Dennoch wird die Agrargenossenschaft Nöbdenitz in jedem Fall am Kräuteranbau festhalten. Schließlich haben das angesammelte Fachwissen und die Ausstattung des Betriebs geholfen, einige Turbulenzen an den stark schwankenen Agrarmärkten zu überstehen.

Fazit: Die Nachfrage nach Arznei- und Gewürzpflanzen aus heimischem Anbau ist groß. Einstiegswilligen Landwirten winken einerseits hohe Deckungsbeiträge. Andererseits brauchen Neulinge einen langen Atem, um die Schwelle der Wirtschaftlichkeit zu erreichen, weil Anbau, Technik und Vermarktung nur mit besonderen Kenntnissen sowie hohen Investitionen funktionieren. Die Erzeugerpreise werden vom Weltmarkt bestimmt. Es besteht innerbetrieblich ein Wettbewerb zu Marktfrüchten und Agrarrohstoffen, die bei hohen Erzeugerpreisen um den knappen Produktionsfaktor Boden konkurrieren.

Autorin:

Bettina Karl
Presse- und PR-Büro
10115 Berlin 
Schlegelstraße 5
Mobil: 01 72 / 31 79 68 2
E-Mail: bettinakarl@arcor.de

 


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